7. Reisebericht: Kolumbien ist anders

19. Dezember 2014 - 27. Januar 2015

Unser Reisefuehrer schreibt: Wenn man von Ecuador nach Kolumbien reist, sollte man auf der zumindest tagsueber sicheren PanAmericana bleiben, denn abseits der Hauptroute ist Guerillagebiet. Wir fuehlen uns jedoch sicher: entlang der Strassen sind ueberall Militaerposten, die uns den Daumen nach oben gestreckt weiter winken - wie wir schnell lernen heisst das, die Strasse ist sicher. Wir passieren auch Polizeikontrollen, werden mit Handschlag begruesst und verabschiedet, und in Kolumbien willkommen geheissen.
Wir besichtigen den Wallfahrtsort Las Lajas und verbringen unsere erste Uebernachtung bei einem schweizer Chalet an einem traumhaft gelegenen See in den Bergen.
Durch ein schoenes Tal geht es dann weiter nach Popayan, eine der alten Kolonialstaedte Kolumbiens.

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Seit drei Tagen sind wir in Kolumbien und haben jeden Tag ein Geschenk bekommen: an einer Strassensperre kommen wir mit einem Kolumbianer ins Gespraech und er laedt uns ein, einige Kilometer weiter an seiner Mineralwasserfabrik zu halten; wir nehmen das Angebot nicht wirklich ernst, doch als wir an der Fabrik vorbeifahren, steht sein Beifahrer schon am Strassenrand, schenkt uns drei grosse Pakete Wasser und wuenscht uns eine gute Weiterfahrt. An einem unserer Uebernachtungsplaetze bekommen wir Grenadillas geschenkt, eine fuer uns bislang unbekannte Frucht, die wir unbedingt probieren sollen. Und eine uns unbekannnte Kolumbianerin kommt an unser Auto und schenkt Heike eine handgemachte Halskette, damit wir Kolumbien in schoener Erinnerung behalten. Auch ohne diese Geschenke ist unser erster Eindruck der Gastfreundschaft beeindruckend, denn wir werden staendig gegruesst, gefragt ob wir uns wohlfuehlen und wie uns Kolumbien gefaellt, bekommen Tips zur Weiterreise etc.

Bei Nieselregen fahren wir durch dichten Nebelwald nach San Augustin, der wichtigsten und auch geheimnisvollsten archaeologischen Staette Kolumbiens. Eine vorkolumbianische, indigene Zivilisation hat hier Grabanlagen geschaffen und mindestens 300 Steinfiguren, die aeltesten ca. 3.000 Jahre alt, gehauen. Vermutlich handelte es sich um eine Zeremonienstaette, doch wenig ist bislang ueber deren Bedeutung bekannt. Auch wird geschaetzt, dass erst ca. 30% der Graeber entdeckt wurden.

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Kaffee & mehr

Wir wollen Weihnachten im Kaffeegebiet verbringen, somit geben wir Gas und erreichen das huebsche Dorf Salento, das mit seinen farbenfrohen Haeusern mit bemalten Tueren und Holzbalkonen der typischen "Paisa-Architektur" entspricht. Das Hostal, neben dem wir Quartier beziehen, beherbergt fast 50 junge Gaeste aus aller Welt und wir verbringen einen netten Weihnachtsabend im Kreis der "Traveller".

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Wir machen einen Abstecher ins Valle de Cocora, in dem Kolumbiens "Nationalbaum" waechst, eine Wachspalme, die bis zu 60 Meter hoch wird und zu den hoechsten Palmenarten der Welt gehoert.

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In der Kaffeeregion wollen wir auch eine Kaffeeplantage besuchen. Nicht alle Plantagen bieten Uebernachtungen an und nur die wenigsten gestatten das Campen, doch wir folgen den Tips der "Overlander" und besuchen die Hacienda Venecia, eine wunderschoen gelegene Kaffeefarm inmitten tropischer Vegetation.

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Wir lernen viel: nicht nur, dass Kaffee seinen Ursprung in Aethiopien hat und die Kolumbianer gemeinsam mit Brasilien, Indonesien und Vietnam die fuehrenden Kaffeeexporteure der Welt sind. Kaffee wird "gruen" exportiert, d.h. geroestet wird im Ankunftsland entsprechend der jeweiligen Kaffeekultur. Der Geschmack unseres "kolumbianischen" Kaffees wird somit von Eduscho, Tchibo, Jacobs etc. bestimmt. Die besten Bohnen werden exportiert und unsere junge kolumbianische Fuehrerin erklaert uns verschmitzt laechelnd, dass sie inzwischen auch versteht warum: Kolumbianer trinken ihren Kaffee mit viel Milch und extrem suess, d.h. vom urspruenglichen Kaffeegeschmack bleibt sowieso nicht mehr viel uebrig.

Medellin

2% des kolumbianischen Bruttosozialproduktes werden durch Drogen erwirtschaftet. Wir sind in Medellin und haben eine der eher selten angebotenen “Pablo Escobar”–Touren gebucht.
Wie kam es dazu, dass Medellin Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger-Jahre als die gefaehrlichste Stadt der Welt galt? Ende der 70er Jahre explodierte die Nachfrage nach Kokain in den USA. Intelligente kolumbianische Gangster formierten ein Produktions-, Handels- und Transfernetzwerk, das Medellin-Kartel. Es war ein lockerer Zusammenschluss von internationalen Unternehmen, lokalen Politikern und Rebellen. Kokamasse wurde aus Peru importiert und in Medelliner Laboren, spaeter in Dschungelverstecken, veredelt und ueber Nicaragua, Kuba und die Bahamas nach Norden gebracht.

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Die Einnahmen von mehreren Milliarden US-Dollar pro Jahr machten aus Kleingaunern wie dem hochintelligenten Auto- und Grabsteindieb sowie Zigarettenschmuggler Pablo Escobar innerhalb von 10 Jahren aeusserst einflussreiche und gefaehrliche Maenner. Pablo Escobar galt 1989 als der 7. reichste Mann der Welt; durch populistische Massnahmen wie den Bau von 500 Haeusern fuer die Armen, Flutlichtanlagen auf den Fussballplaetzen in kolumbianischen Doerfern etc. wurde er sogar ins Abgeordnetenhaus gewaehlt.
In seinem Auftrag agierten Killer und paramilitaerische Banden, durch sein Geld starben unliebsame Richter, Journalisten, Politiker und Konkurrenten. Der Kampf zwischen dem Medellin-Kartell und dem Cali-Kartell um die Vorherrschaft im Drogengeschaeft forderte unzaehlige Opfer. Das Motto der Jugend in dieser Zeit war: Gut leben, solange man lebt. Escobar wurde fuer sie zum Idol und sie waren bereit fuer 10 US-Dollar zu toeten. Exekutionen wurden meistens vom Motorrad aus gemacht: ein Jugendlicher fuhr das Motorrad, der Sozius schoss. Noch heute ist es in Medellin verboten, dass zwei Maenner zusammen auf einem Motorrad sitzen...
Als die kolumbianische Regierung ueber die Auslieferung von Drogenhaendlern in die USA debattierte, erklaerte Escobar dem Staat, dessen Auslandsschulden von rd. 25 Mrd US-Dollar er vor einigen Jahren noch komplett uebernehmen wollte, den Krieg. Autobomben gehoerten von nun an in Bogota und Medellin zum Alltag. Unsere damals fuenfjaehrige Tourfuehrerin erinnert sich an einen Witz zu Weihnachten: “Was wuenschst Du Dir vom Weihnachtsmann?” - “Eine rosa Barbie-Autobombe.”

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Nach Friedensverhandlungen mit dem Staat, stellte sich Escobar 1991 und baute sich ein Luxusgefaengnis, in dem er ungehindert weiter agierte. Konkurrenten oder illoyale Mitarbeiter verliessen "El Catedral", wie das "Gefaengnis" genannt wurde, im Plastiksack. Als Escobar verlegt werden sollte floh er und versteckte sich, wurde aber am 2. Dezember 1993 in Medellin entdeckt und erschossen. Das Kartell zerfiel, nicht aber der weltweite Drogenkonsum und -handel, der heute um ein Vielfaches groesser ist als damals.
Auch wir besuchen das - nach Evita Peron in Buenos Aires - am zweithaeufigsten besuchte Grab Suedamerikas und treffen tatsaechlich einen aelteren Mann an, der davor steht und betet. Fuer viele Leute aus der Unterschicht ist "El Patron" wie es scheint auch heute noch ein Idol.

"Senor Los Namenlos"

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Am 31. Dezember verlassen wir Medellin und fahren wieder auf's Land Richtung Guatape, bekannt durch einen zerkluefteten Stausee und einen ca. 200 Meter hohen Monolithen. An der Strasse passieren wir unzaehlige Verkaeufer, die lebensgrosse Puppen anbieten, die unseren Vogelscheuchen zu Hause aehneln.
Unsere Neugier laesst uns keine Ruhe, wir halten an und fragen, was es damit auf sich hat und erfahren, dass die mit Stroh gefuellten Puppen um Mitternacht verbrannt werden. Manche sind auch mit Krachern gefuellt, damit sie richtig explodieren. Dieser Brauch soll das “Boese“ vom alten Jahr vertreiben. Obwohl wir in 2014 nicht wirklich “Boeses” erlebt haben, beschliessen wir waehrend der Weiterfahrt fuer umgerechnet EUR 7,00 auch eine Puppe zu kaufen.

 
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Da die Puppe keinen Namen hat, reist unser neuer Begleiter als “Senor Los Namenlos” mit und wird hinten auf das Ersatzrad gebunden. Das “Hallo” der kolumbianischen Autofahrer, mit Winken und Hupen, insbesondere derer die auch eine Puppe auf das Dach zum Urlaubsgepaeck geschnallt haben, ist gross und nach unserer Ankunft auf dem Parkplatz am Monolithen in Guatape wird unser Auto mit "Senor Los Namenlos" zum Fotomodell. Die Kolumbianer finden es toll, dass wir ihre Tradition angenommen haben und wir freuen uns auf Mitternacht.

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Aufgrund des guten Abendessens und nicht zuletzt des leckeren Weines am Abend verschlafen wir den Jahresbeginn und somit auch die "Hinrichtung" von Senor Los Namenlos. Am fruehen Neujahrsmorgen setzen wir ihn schnell an einem Pfosten des Parkplatzes aus und hoffen, dass sich einige Kolumbianer erbarmen und ihn noch verspaetet in die Luft jagen. Die ersten Besucher schauen jedoch skeptisch, hat vielleicht doch etwas Boeses aus 2014 ueberlebt?

Wir verlassen den Parkplatz und unseren namenlosen Gefaehrten und machen noch einen Bummel durch das schoene Dorf mit seinen kunstvoll bemalten Haussockeln.

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Zipaquira

Ueber einige Passstrassen geht es weiter zum Naturreservat des Rio Claro, der wirklich “klar” ist, so dass wir ein erfrischendes Bad im Fluss nehmen. Aufgrund der Millionen von Moskitos und vieler Besucher am Neujahrstag beschliessen wir, bereits am naechsten Morgen weiter Richtung Bogota zu der 60km noerdlich in Zipaquira gelegenen Salzkathedrale aufzubrechen. Hier haben die Bergarbeiter im 19ten Jahrhundert beim Salzabbau mehrere Kapellen in den Salzberg gehauen, die im Abschluss in einer grossen Kathdrale enden. Wir hatten nicht wirklich den Eindruck ein ehemaliges Bergwerk zu besuchen, eher eine religioese Staette, und haben uns die Frage gestellt, wie es letztendlich moeglich war, dass die Bergleute sich damals so viel Zeit nehmen durften, um die 14 Kapellen und eine Kathedrale aus dem Stein zu hauen.

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In Villa de Leyva verbringen wir einige ruhige Tage in einem huebschen Hostal oberhalb des Ortes und geniessen den schoenen Garten, die Gespraeche mit anderen Reisenden sowie den kleinen Kolonialort, in dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist.

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Im karibischen Norden

Jetzt wollen wir endlich ans Meer und die kolumbianischen Karibikstraende geniessen, doch die kolonialen Kleinode dieses Landes lassen uns erneut stoppen. Wir besuchen Barichara, ein schoenes kleines Kolonialdorf am Canyon des Rio Suarez. Ebenso liegt der Chicamocha Canyon auf unsererer Reiseroute, doch der Nationalpark entpuppt sich eher als Funpark mit Aqualand, Canopy, Quadbikes etc. Beeindrueckend ist die ueber 6km lange Seilbahn, die quer durch den Canyon gebaut ist.
Somit bleiben uns noch vier Tage am Strand, denn fuer den 13. Januar haben wir in Barranquilla einen Termin in der Werkstatt.

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Cartagena

Im Zuge der Kolonialisierung Suedamerikas wurde Cartagena als eine der ersten spanischen Staedte gegruendet und wurde schnell zu einem wichtigen Hafen fuer den gesamten Kontinent. Die spanische Flotte kam regelmaessig nach Cartagena und vermarktete hier Waffen, Ruestungen, Werkzeug etc. und lud Gold, Silber und Edelsteine fuer den Transport nach Spanien ein. Auch afrikanische Sklaven durften nur in Cartagena "entladen" werden. Die Stadt war somit attrakives Ziel vieler Piraten und wurde immer wieder attackiert und gepluendert, so dass die Spanier einen 11km langen Schutzwall und eine riesige Wehranlage errichteten, das groesste Fort in Suedamerika, um die Einfahrt in die Bucht von Cartagena zu schuetzen.

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Ein Bummel durch die wunderschoene Altstadt begeistert und obwohl Cartagena die Stadt mit den meisten Touristen Suedamerikas ist, laden unzaehlige gemuetliche Plaetze und schoene Innenhoefe mit kleinen Cafés und Restaurants zum Verweilen ein.
Tip: Restaurant Boutique Las Indias, Plaza El Pozo/Cr. 10B, Getsemani - kleines familiaeres Restaurant mit tollen "kolumbianischen" Tapas und persoenlichem Service.

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Wir muessen jedoch erst einmal unsere Verschiffung organisieren, denn zwischen Kolumbien und Panama gibt es keine Strassenverbindung. Es sind nur ca. 90km die fehlen, doch der "Darien-Gap" durch den Dschungel ist auch off-road nicht zu bewaeltigen. Die seit Oktober letzten Jahres operierende Faehre hat im Dezember den Transport von Fahrzeugen "bis auf weiteres" suspendiert und auch hartnaeckiges Nachfragen gibt uns keinen Hinweis, ab wann wieder Autos mitgenommen werden. Somit muessen wir unseren Toyopedi auf ein Frachtschiff bringen, was ca. das 8fache des Faehrtransportes kostet. Und es gibt weder Alternativen noch Auswahl: von den drei Schifffahrtslinien die Fahrzeuge nach Panama mitnehmen hat eine die Route eingestellt, von der zweiten ist uns ein Schiff gerade vor der Nase weggefahren und das Naechste kommt im Maerz... somit ist die dritte Linie der Gewinner und unsere Verhandlungsposition denkbar schlecht.
Wir wollen trotzdem die schoene Stadt geniessen und haben uns in einem schoenen Hotel mit eigenem Strand und tollen Pools eingemietet.

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Mit Hilfe des Verschiffungsagenten Luis Ernesto la Rota koennen wir die Prozedur des "Exportes" unseres Toyopedi ohne Probleme bewaeltigen, wenn auch das Warten im Hafengelaende auf den Zoll und die Polizei- und Drogenkontrolle nervt, denn es liegt nur teilweise an mangelnder Organisation, eher an der Unlust der Zustaendigen, ihren Job zu machen. So bewirkt erst die Beschwerde unseres Agenten beim Vorgesetzten des Zollbeamten, dass unser Auto abgefertigt wird. Aber das kennen wir aus unserer ehemaligen Wahlheimat zur Genuege und bleiben gelassen.

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Unser Toyopedi wird schliesslich auf ein FlatRack, eine offene Container-Plattform, verladen und wir hoffen, unser Reisemobil in Panama wohlbehalten wieder in Empfang nehmen zu koennen. Wir werden die neue Faehre nutzen und am 27. Januar Suedamerika nach insgesamt 12 Monaten Reisezeit und ca. 42.000 gefahrenen Kilometern mit unvergesslichen Eindruecken verlassen.
Wer weiss, vielleicht kommen wir schon bald wieder zurueck, denn es gibt noch unendlich viel zu entdecken.

Abschied von Cartagena & Suedamerika

Copyright 2018 - Heike & Bernd